Die Wolfsburg Tristesse

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Erst gerade vor einigen Minuten kam die nächste Meldung: Aktie bricht noch einmal ein. Was löst das in mir aus? Ein kurzer Moment des Schwindels und ein ziehen in der Magengegend. Dabei arbeite ich nicht einmal direkt bei Volkswagen ich bin nur in Wolfsburg geboren. Diese Stadt der man rein alles abspricht zu besitzen. Klasse, Kultur, Fußball Fans und vor allem eine Seele. Seit dem wir in meine Heimatstadt zurück gezogen sind, haben mir ca. 5 Wolfsburger ihr Mitleid ausgesprochen. Ok, ich verstehe. Wolfsburg ist nicht Nürnberg aber wo ist diese uneingeschränkte Überschätzung der Stadt in der man lebt? Schaut man sich einige niedersächsischen Nachbarn an, merkt man schnell das es dort auch nicht gerade viel schöner ist. Niedersächsische Tristesse überall. Wir Wolfsburger lieben vor allem die Sicherheit dieser Stadt. Volle Kassen und der höchste durchschnittliche Stundenlohn Deutschlands. Am Ende jeden Monats bekommt fast jeder gutes Geld überwiesen. Genug um sein gut bodenständig-wirkendes Leben aufzubauen. Ein Häuschen im postmodernen Neubaugebiet. Kommt man Abends am Hauptbahnhof an, begrüßt einen der schimmernde Vollmond der die Stadt in blau-weiß erstrahlen läßt. Wie geht es uns wenn diese Sicherheit brökelt? Wenn dieser Mond die Ohren anlegt.

Vor fast fünf Jahren hatte ich es Absprung geschafft. Ich bin Richtung Franken, nach Nürnberg gezogen. Oder besser gesagt: gezogen worden. Natürlich ist es nicht einfach seine Familie zurück zu lassen. Und doch war ich überaus glücklich. Nürnberg war nicht nur einer der schönsten Städte die ich kenne, es war auch dieser Abstand den ich gebraucht habe. Einen Abstand zwischen meiner Jugend, dem Ort in dem ich sie gelebt habe und mir. Dies ist bei weitem kein Wolfsburg spezifisches Problem. Es ist dieses bedrückende Gefühl welches an der Stadt haftet in der man aufgewachsen ist. Diese ist in den wenigsten Fällen abwaschbar. Nürnberg war dieses unbeschriebene Blatt. Etwas vollkommen Neues. Hier lief ich nicht die ganze Zeit Leuten über den Weg die man am liebsten verdrängen würde. Neue Stadt, neue Menschen und eine neue persöhnliche Epoche. Fast ein halbes Jahrzehnt vergeht und man bildet sich ein das man sich soweit verändert hat, dass die alten Geister keine Einflüße mehr haben. Die Besuche in der Heimat reißen alte Wunden nicht mehr auf und man ist nach ein paar Tagen wieder in seinem neuen Leben. Nun kommt es wie es kommt und man zieht zurück ohne die Entscheidung wirklich in der Hand zu haben.

Nach dem Sommer fahre ich jeden Tag mit meinem Fahrrad am Mittelkanal entlang zur Arbeit. Vorbei an den endlos scheinenden Werkshallen und Gebäuden mit den großen balu-weißen Volkswagen Logos. Mir kommen hunderte von Arbeitern entgegen. Sie kommen von überall her.

Wenn man hier aufwächst ist einem diese Abhängigkeit nicht so sehr bewusst. Man lebt damit. In diesen Zeiten fängt man mehr und mehr an sich zu Fragen was diese Stadt ohne Volkswagen wäre. Anscheinend nichts. Und genau dieses "Nichts" ist das was diesen Schwindel in mir auslöst.