Die Dekonstruktion der Wand des Ruhms

Dieser Text war seit Februar in meinem Editor offen. Der Abriss der Hall of Fame in der Wolfsburger Dieselstraße und meiner Empathie ihr gegenüber, jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit, ließ mich daran zurück denken, was ich dort einst erlebt hatte. Ich sehe jeden Tag die Veränderungen in dieser Stadt und frage mich was Stein und Beton mit einem einem Gefühl von Zuhause gemein hat. Oft sind es genau diese leblosen Materialen, die einen umarmen wenn es kein Anderer tut.

Dekonstruktion

Veränderung ist unaufhaltbar, sie schmerzt und die Realisierung davon ist Teil des Erwachsenseins. Ein gelebter Stumpfsinn, nicht mehr das auf der Haut kleben zu haben was dort einmal war. Die Teenagerjahre, Hormone, alles intensiver wahrzunehmen. Nichts scheint ohne Grund in diese Welt, dieser Stadt, materialisiert worden zu sein. Jede Stumpfheit des Lichts scheint in sommerlichen Nächten nur für einen selber, für seine Sehnsüchte, die Person die neben einem sitzt, oder es eben nicht, weil sie nichts von einem weiss. Seiner Stadt die Liebe zu erweisen, die sie sonst nicht hat, das Auszudrücken in purem Vandalismus und doch nicht mutig genug alle Wände voll zu malen. Aber es gab da diese eine Wand. Schicht und Schicht wächst sich aus sich selber heraus. Lack wächst und wächst, bis das eigene Gewicht sie zum Einsturz bringt.

Mit 13-14 Jahren waren die Wände dieser Stadt Leinwände, bunt, voll mit Zeichnungen, jeder Strich schien seinen Weg vorbestimmt abzuschreiten. Ich versuchte mit meinem Nacken die Geschwindigkeit des Autos meiner Eltern, in der Fahrtrichtung auszugleichen, wie einzelnen Bestandteile eines Zoopraxikops, die Bilder zu erspähen, etwas zu erkennen, einzuordnen wer dahinter stehen könnte, Orte im Kopf zu sammeln an denen ich neues entdecken konnte oder die alleinige Wiederholung des Betrachtens zu genießen. In meinem Zimmer fuhr ich die Tags mit meiner imaginären Sprühdose vor meinem inneren Auge immer wieder ab, die Bilder so bunt wie die Bilder im Kopf eines heranwachsenen Kindes.

In einer Jugendgruppe lernte ich einen Jungen kennen. "V". Er war 6-7 Jahre älter als ich. Er schien so unerreichbar für mich, das was er auf seinen T-Shirts trug, die Musik die er spielte und die kleinen Zeichnungen nach denen jedes Kind fragte, ließen ihn für mich aufsteigen, die Bewunderung und Faszination war nicht mehr zurück zu halten. Unerklärlich, dass ich ihn eines Winters mal besuchte, ich meine Scham vor Menschen überwinden konnte. Ich spielte Schlagzeug und über diese Tatsache verließ ich seine Wohnung mit einem Rucksack voller CD's, alles was ihm wichtig erschien, alles was es braucht um seine Adoleszens zu überleben. Es waren Hausaufgaben. Wir fingen an Musik zu machen, jeden Samstag morgen fuhr ich mit meinem Fahrrad, durch den Schnee, zum Proberaum. Aus dem Inhalt der CD's, dem Gesagten und seiner Vision versuchte ich alles in das Schlagzeug zu hämmern was meine mickrigen Arme an Kraft heraufbeschwören konnten. Manchmal nahmen wir diese Stücke auf. Schrieben welche für Freunde von uns, bemalten die Papiereinlagen der Kasettenhüllen.

Jeden Freitag gab es ein Treffen in einem Nebengebäude der Kirche. Wir hörten CD's, aus unseren vollgepackten Rucksäcken, eine Auswahl nur für diesen Abend, lagen auf den Sofas und schoben uns Skizzen über den Holztisch. Er zeigte mir, dass die Schatten meiner Buchstaben falsch waren. Ich nahm Platz neben ihm in seinem silbernen Golf 1, einen Discman, gelagert auf schockabsorbierenden Schaumstoff, per Audiowandler-Kasette angeschloßen, die Musik laut, sein Fahrstil zackig den Punkrythmen, dem Schreien der Stimmen. Wir fuhren fast jeden Tag zur Hall of Fame. Diese einige Meter lange Wand in der Dieselstraße, als Teil des Aussenmauern einer Jugendwerkstatt. Auf der anderen Seite eingezäunte Müllwagen. Dort wo sich kaum einer stören konnte wenn wir Löcher in die leeren Sprühdosen schlugen, das Zischen der letzten Wolken Aerosol für das Fertigen eines Bildes uns mit stolz erfüllte. Wir parsten die Bilder beim vorbeifahren, fuhren langsam, drehten um, hielten an. Malten wir selber, verkühlten wir unsere Handflächen, im Winter, am Aluminium der Dosen. Jeden Tag der selbe Ablauf, nichts zählte an diesen Tagen mehr als diese sich wiederholenden Runden in das Industriegebiet, weit hinten in der Stadt. Zuhause bezeichnete ich Papier um Papier, Linie für Linie, kopierte meine Idole, erreichte sie niemals, war stolz aber nicht zufrieden. Die Second-Outlines varierten zu stark in dem inneren Abstand zu ihren bewegungsbestimmenden Linienlettern und die Fluchtpunkte der angedeuteten Schatten versagten regelmäßig. Ich denke meine Frustration über meine Unfähigkeit verblasste, sobald ich an dieser Mauer stand, zitternd, Musik die aus den runtergekurbelten Fenstern dieses silbernen Autos schallte, mein Freund neben mir, Zettel mit der Skizze in der Hand, und kein Auge für die Propertionen bei der Übertragung vom Papier auf eine Wand, auf die oberste Lackschicht von hunderten zuvor geopferten Leichen. Am Ende ein Beweisfoto, der Duft des Treibmittels überlebte den Rest des Tages in unserer Kleidung. Die Musik schien jetzt noch lauter. Abends dann noch eine Runde zur Wand, überprüfen ob das Bild den Rest des Tages überlebt hatte.

Meine Fähigkeiten gingen immer mehr in dem Talent der Anderen unter. Ich war stolz auf sie, trotzdem gebrochen von meiner Talentlosigkeit. Eine Zugehörigkeit heilt die eigene Unsicherheit. Ich betrat jeden Wochentag den Eingang meiner Schule und die Ignorierung meiner war mir auf einmal egal. In Freistunden nahm ich den Weg zu Fuß auf mich, setzte mich nur wenige Minuten auf die Kante gegenüber der Wand, verfolgte die Linien mit meinen Augen, sammelte Eindrücke zur Führung des Fineliners auf dem Papier. Wenn man sich nicht traut Nachts in schwarzen Kapuzenpullovern durch die Straßen der Stadt zu ziehen, den Rucksack gefüllt mit Dosen, die extra großen, Silber das überall deckt, Schwarz eigentlich zum Lackierung der Autounterböden, die Ruhe zwischen den Schichten im Werk und dem Schlaf der Bevölkerung, bleiben diese Gänge kurz vor dem Einschlafen durch die Gedanken ein Ausleben der Mitgliedschaft einer Geheimgesellschaft. Es sind Markierungen, Zeichen an der Wand und welche die sie zu schätzen wissen, projizieren eine völlig neue Ebene über dieser Stadt. Plötzlich scheinen die Wände Silber und für mich im buntesten Bunt.

Eines Nachts, die Sterne schienen breit und die zwei Straßenlampen wurden kaum gebraucht, die runde Mond als überirdischer Strahler, standen wir mit einer Palette von abgelaufenden Flaschen oranger Abdeckfarbe vor der Wand. Erst schauten wir uns an, blickten für einen Moment auf die bunte Wand vor uns, wanderten mit den Augen die zu malernden Meter an. "V" grinste und wir legten los. Nur eine Leiter für die Hälfte der gesammten Wand. "V" markierte die Mitte mit einem Strich, gezogen mit der Stirnseite einer, mit Farbe bekleckerten, Farbrolle. "V" stieg als erstes auf die Leiter und ich füllte die untere Hälfte mit dem Orange. Die hintere Hälfte war der bessere Teil der Mauer. Vorne erzeugten die Bilder die größte Kredibilität, um so mehr schichtete die Jagd danach Schicht um Schicht Lack übereinenander, bis die kleinsten Schläge auf ihr große Stücke heraus brechen ließ. Die Stücke der Wand in den Tälern der Löcher, saugen den Lack schneller auf, als die wenigen Zentimeter Erhöhungen die sie umgeben. Dies erschwert sauber gezogenene Linien, geführt unter dem Druck unserer Daumen. Der hintere Teil wechselte seine Bilder nicht so oft, er war stets reserviert für ANUBIS und OMY. Bis zum Abriss waren immer wieder neue Bilder der Beiden zu sehen. Für Stunden tropfte unsere Farbe von den Rollen, auf dem Weg von Farbflaschen zur Wand, verwandelten die Straße in Drip-Art eines weniger ambitionierten Jackson Pollock Gemäldes. Farbspritzer auf dem Versuch Sprühdosen waagerecht zum Boden gerichtet, einen Namen auf ihr zu hinterlassen. Unsere orange Wand war wie die Grundierung eines frisch bespannten Keilramens. Es machte mich stolz Grundierer zu sein. Bei Sonnenaufgang würden die Menschen erscheinen, die ich so bewundere, die ich mich nie traute anzusprechen wenn man sie in großem Zufall malend an der Wand sah. Bei denen ich angewiesen war, dass sie meine Passivität nicht zu sehr abschreckte. Stunden vergingen und man konnte den Sonnenaufgang deutlich durch den Farbnebel riechen. Meter um Meter hatten wir nun eingefärbt. "V" nahm eine schwarze Dose aus seinem Kofferraum, schritt den lachsfarbenden Teil der Mauer ab, bezeichnete die Teilstücke mit den Namen die sich die Menschen selber gaben, Namen die nach gestalterischen Möglichkeiten der einzelnen Buchstaben ausgewählt wurden waren. Jeder bekam einige Meter. Alles war vorbereitet.

Der Tag begann und "V" holte mich ab. Ich konnte mir nicht viele verschiedene Farben leisten, so hatte ich drei Farben und das was ich aus Resten, abgelegte Dosen der Anderen, zusammen schnorren konnte. Zu verschiedensten Zeitpunkten kamen die verschiedensten Menschen, malten, fuhren wieder, kamen wieder, reagierten auf das was zwischendurch entstanden war. Es war ein Straßenfest. Und diese kleine Straße, abgezweigt vom Lärm der Industrie, war unsere. Die Musik war laut, ich bebte, beeindruckter von dem was entstand und nicht von dem was ich selber geleistet hatte. Dies war der große goldenen Pott voll mit buntem Gold welches man "DIY" nannte. Ich ging immer wieder ein paar Meter zurück, lehnte mich an die Mauer gegenüber, verschränkte meine Arme und beobachtete die Maler auf ihren Leitern, an der Wand. KEAS malte den Schriftzug "ZLATKO". Es war der Sommer der ersten Big Brother Staffel. Es wurde durch die blaue Stunde hindurch gemalt, bis jeder Schimmer von violett gewichen war. Zu dunkel um jedes Wort zu fotografieren.

Wir fuhren so früh wie wir konnten los. "V" und ich, meine Digitalkamera. Die Sonne stand perfekt. Wenn keine Fotos existieren würden, wäre nichts was wir die letzten Tage geplant und gemalt hatten, nicht dokumentiert, nicht existent, nur noch eine Erzählung, ein eigener kleiner Mythos, nichts von Wert. Jahre würden vergehen und fast 20 Jahre später ist man sich selber nicht mehr sicher ob diese Bilder jemals gemalt wurden waren. An der Wand sahen wir, dass wir nicht die Letzten am Abend gewesen waren. Die Bilder eines bestimmten Malers wurden alle übermalt. Auswüchse eines Konflikts dem wir nichts entgegenzusetzen hatten. Die Arbeit war nicht mehr die selbe vom Tag davor. Die Wand war befleckt worden, so wie jedes mal zuvor, von uns, von vielen anderen, dafür wurde sie errichtet und von der Stadt geduldet. Ich fotografierte trotzdem, baute später aus den neuen Fotos und Schnappschüssen vom Tag davor eine komplette Ansicht. Dies war der Kreislauf von Errichtung und Abriss. Ich konnte mich dem nicht entziehen, etwas Einzigartiges nur durch meine Partizipation, sonst war es genau das was an dieser Wand passierte, Tag für Tag, Wochenende zu Wochenende. Und es war gut wie es war. Ein Ort um sich aus zu probieren, erstmal keine Gesetze brechen zu müssen.

Es war Heiligabend und der Spätgottesdienst war zu ende. Wir schloßen uns in unseren Jugendraum ein. Unausgesprochen hielten wir Geschenke von unserem Oberkörper weg. Eins für jeden Freund. Das erste mal Geschenke an Personen die man liebt, ohne ein Band des Blutes um die Kehle geschlungen zu haben. Dies war eine wunderbare Pflicht des nicht alleine seins. Meine Umhängetasche war gefüllt und ich beschloss alleine durch den Schnee nach Hause zu gehen. Die Flockenpartikel wuschen das Schwarze hinweg. Jede Kleinstquelle von Licht reflektierte das Weiß in der Luft. Ich liebe das Knacken unter meinen Füßen. Kurz vor der Haustür traf ich "S". Ganz gekleidet in schwarz, Windbraker, Hose und Mütze. Geschultert eine Tasche die sonst in dieser Stadt eher für die Schichtarbeiter bekannt ist. Ein Zufall will es das darin perfekt 3 extra große Dosen Chrome und eine gefüllt mit schwarz-matt passen. Wir gingen ein paar wenige Meter, hielten unter einer Straßenlampe. Während ich im Gottesdienst saß, den ewig gleichen Weihnachtsliedern zuhörte, war es seine Ruhe und Besinnlichkeit nach der er diesen Abend suchte. Es war die Ruhe auf den Straßen, Familien weg gesperrt in den Wohnzimmern zur Bescherung, Kinder niedergelassen in ihren Bettchen. "S" ging raus und malte ein oder zwei Bilder. Nichts was besonders spektakulär wäre, keine Inszenierung. Es war die Nacht, das Geräusch von Schnee was ihn in die Nacht hinaus führte. Ich verstand ihn. Mich verließen niemals meine Gedanken an seine Motivation, das was er hinterließ sah ich täglich auf dem Weg zur Schule, nach all den Jahren immer noch auf dem Weg ins Büro.

Ich bin erwachsen, sträube mich jeden Tag und ergebe mich dem Fakt im nächsten Moment wieder. Ich fahre auf meinem Fahrrad durch die Straßen dieser Stadt und halte Ausschau nach den Bildern die mir so viel bedeuten. Es sind nicht viele mehr übrig. Irgendwann kamen die großen Farbspritzpistolen, durch riesige Kompressoren angetrieben, mit weißer Farbe gefüllt und zerstörten diese Bilder. Ich habe Angst ihre Linien mehr und mehr zu vermissen. Die Tags von MET, MOX, 3PS, die kleinen Throw Ups verblassen mehr und mehr. Aus dem Inneren heraus zerfällt ihre Farbe, der Lack hält doch nicht so ewig wie wir alle dachten. Am Ende meines morgendlichen Weg zur Arbeit stand diese Wand. Meine Wand, frei von Besitzansprüchen, eher meine Wand, Erinnerung die mit ihr verbunden waren und immer noch sind. Es hat nur ein paar Tage gedauert, erst stand nur noch die Aussenwand, dann fuhren große Baumaschinen auf dem Staub den sie selber produziert haben. Nichts ist nun mehr übrig.

Die Stadt war vielleicht einmal bunter, gefüllter von anderen Geistern. Vielleicht ist es auch das was jeder empfindet wenn er an die Städte seiner Jugend denkt, an die Wände, die Straßen und die Lichter. Alles ist überzogen mit süßestem Zucker aus Schmerz und der wundervollsten Art von Melancholie. Beißt man in die Erinnerung knackt es, und die Nervenenden zucken, wunderbar vom Schmerz verzerrt. Ich vermisse mich und diesen Stolz. Nun sind es Peinlichkeiten die man kaum herum erzählen möchte. Doch sie sind passiert, es gab sie, und ich halte daran fest.

Making Of Wolfsburg Unlimited

Das Kunstmuseum Wolfsburg hat ein kleines Zeitraffer-Making-Of zu Wolfsburg Unlimited online gestellt.

Wolfsburg Unlimited

Wolfsburg Unlimited - Eine Stadt als Weltlabor: 24.04.2016 - 11.09.2016 Kunstmuseum Wolfsburg

Da standen wir vor dem architektonischen Plänen eine Wasserstraße durch die Wolfsburger Innenstadt zu fräsen. Wasser gegen Beton und Granit. Ich mag die Idee. Es gehört zur Grundaufgabe im ersten Semester an der Kunstakademie Nürnberg aus dem Plärrer, die Drehscheibe des öffentlichen Nahverkehrs, in etwas annehmbares zu verwandeln. Etwas das weniger nach grauen Leben aussieht und mehr nach dem wie sich Nürnberg anfühlt wenn man durch die Altstadt spaziert, die sich nur wenige Meter weit weg befindet. Eine Idee war es den Platz einfach zu fluten. Etwas mehr Venedig und weniger graue Wüste. Den da wo Wasser ist, kann etwas nicht völlig entstellt sein. Jahre später stehen wir vor dem Plan des Kunstmuseums das gleiche mit der kompletten Innenstadt zu tun. Straßen aus Wasser. Auf den Darstellungen spielen Kinder am Ufer. Sie scheinen in einer schöneren Stadt groß zu werden als ich es damals tat. Auch wenn alles nur eine Illusion ist. Vor meiner Geburt bestand die komplette Fußgängerzone aus befahrbaren Straßen. Was ein Paradox. Die Menschen an den Rand geschoben und das Auto im Mittelpunkt. Die Prioritäten dieser Stadt klar verteilt. Ich kenne Wolfsburg nicht anders. Nur das seit meiner Geburt die Fußgängerzone exklusiv begehbar war. Eine kleine Metamorphose, erst Auto, dann Mensch und nun Wasser. Am schönsten wenn dieses Element uns den Platz raubt. Ein Hauch Venedig, in nur nicht so schön. Aber ein Versuch wert.

Wolfsburg Tristesse

Dieser Plan zur Umgestaltung ist Teil der Ausstellung Wolfsburg Unlimited. Wir Wolfsburger wenden viel Zeit auf uns von diesem Ort zu distanzieren. Sie zu leugnen und ihre Bedeutung für uns, von uns, auf ein Minimum zu mindern. Es ist die Stadt in der ich geboren und aufgewachsen bin. Zwischendurch war ich weg und bin nun wieder zurück.

Wolfsburg sehnt sich nach Identifikation, weit weg der Selbstverleugnung. Als wir vor einigen Monaten in Paris waren, sprach uns ein in Frankfurt lebender Amerikaner an und fragte woher wir kommen. Als wir Wolfsburg erwähnten sagte er: "Sehr häßliche Stadt, aber gute Kunst". Es spricht nichts dagegen eine Arbeitermetropole zu sein und Kunst ist immer ein guter Weg aus der Identifikationskrise. Ich ziehe oft den Vergleich mit Manchester. Ja, weit hergeholt, aber aus dieser grauen Stadt sind die vielleicht besten und einflußreichsten Bands hervorgegangen. Und das mit Musik die komplett diese Farben der Stadt in ihrem Sound vor sich her trugen. Was mich am meisten an der Volkswagen Krise bewegt ist die Beflecktheit auf unseren einzigen Identifikationsstifter. Stirbt der Konzern, stirbt Wolfsburg mit ihm und ihrem letzten Hauch Bedeutung. Nicht das uns der jemals zugesprochen wurde. Trotzdem blieb uns etwas auf das wir ein Stolz ähnliches Gefühl abbilden konnten. Oder es uns zumindestens einbilden konnten.

Wolfsburg Tristesse

Vielleicht ist diese Ausstellung genau zur richtigen Zeit. Ein letzter Ankerwurf in dieser schwierigen Zeit. Ich hatte mir nie Gedanken über Heimat gemacht. Es gab nur irgendwo Wolfsburg und ich zog nie große Vergleiche zu der handvoll anderer Städte die ich kannte. Dann kam ich an meinen Ausbildungsplatz und auf einmal musste ich mich täglich für den Ort rechtfertigen an dem ich geboren bin. Wolfsburg erzeugt bestimmt nicht diese romantischen Fantasien wie Berlin oder Paris. Wir leben hier nur.

Im ersten Raum der Ausstellung wurden alte archäologische Artefakte aus dem Stadtgebiet aufgebahrt. Überreste eines alten Kanus aus dem städtischen Badesee und alte Gemälde aus der namensgebenden Burg. Der See ist Teil eines streng durchgeplanten Naherholgungsgebietes im Norden der Stadt. Eine Fläche die den Arbeitern Ablenkung schenken soll von den, im Akkord vorbei rauschenden, Autoteilen am Band in der Fabrik. Hier steht auch die Volkswagen Arena. Seit dem wir in der ersten Bundesliga spielen bieten wir noch eine, zum Wochenende potenzierende, Angriffsfläche für den Spott der Anderen. Keine Tradition und keine Fans. Genau das sind wir. Vielleicht schon einmal was von uns gehört. Schrödingers Fans. Gerne könnte ich darauf verzichten. Im nächsten Raum treffen wir auf den Erdenker dieser Stadt: Adolf Hitler. Er gründete die Stadt des KdF-Wagens. Ein großer Brocken mit dem man leben muss. Anscheinend suchen wir uns gerne Städte aus in denen das 3. Reich eine große Rolle gespielt hat. Unterbewusst. Unser geliebtes Nürnberg und nun Wolfsburg. Vorbei zogen wir an Fotos der hakenkreuzbeflakten Grundsteinlegung und Hitlers erster Käfer-Skizze. Danach, chronologisch angeordnet, Wirtschaftswunder, die deutsche Grundspießigkeit und der Beginn meiner eigenen Zeitrechnung. Meine zwei Bewerbungen, gescheitert, und das letzte 3/4 Jahr voller Schuld und Ungewissheiten. Überall in der Stadt in Herzen eingefasste Volkswagen Logos, Je suis Volkswagen, Segnungen für VW in den gläubigen Gemeinden. Uns ist klar, die Wurzeln dieser Stadt sind die nationalen und internationalen Autokäufer. Meine eigenen Wurzeln liegen in den Generationen von Arbeitern meiner Familie drüben auf der anderen Seite des Mittellandkanals.

Wolfsburg Tristesse

Die Stadt versucht viel um das Andenken an diese Zeit zu bewahren. Auch wenn wir es nicht so mit Tradition haben, trotzdem stehen wir in diesem riesigen Schatten. So groß das man ihm kaum entfliehen kann. Ich habe mal eine Geschichte gehört, dass das "Wolf" im Namen der Stadt dem Spitznamen des Führers entsprungen ist. Aus dieser Geschichte entstammt der Name der Kirchengemeinde "Lammburg". Immer präsent. Wir schreiten weiter die Wand der VW Geschichte ab und landen an einer Fotografie von Douglas Gordon. Er steht mit einem Schild mit der Aufschrift "Psycho" an Ende der Braunschweiger Straße. Wie ein Anhalter der zu seiner eigenen Ausstellung mitgenommen werden will. Am Ende der U-förmig angeordneten Zeitleiste, im zweiten Raum, ein Ad-Busting Plakat das auf Dieselgate eingeht. Dieses hing zur großen Klimakonfernz in Paris. "Yes we cheated". Deneben ein Monitor der den Versuch eines nicht gut aussehenden, aufgedunsenen, fiebrig wirkenden Martin Winterkorn zeigt, sich bei der Welt für die Folgen des Kapitalismus zu entschuldigen. Zu diesem Zeitpunkt war schon alles gelaufen. Ertappt. Den meisten Arbeitern war der Wettstreit über die verkauften Autos mit Toyoto relativ egal. Trotzdem überwand man die legalen Mittel um noch mehr zu verkaufen und schuf damit den Abgrund in den ich jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit blicken muss.

Wir verschwanden schnell hinter die nächste Tür zum Hauptwerk der Ausstellung. Wir verliessen die "Hall of Fame" und betraten "Midwest". Ein amerikanischer Verladeort, aufgefüllt mit Containern, inklusive Bodenbelag, Müll und Schlafplätzen für Obdachlose. Flackernes Industrielicht aus den Straßenlaternen und das Zirpen von Grillen. Betritt man dann das Innere dieser Containerstadt offenbart sich ein Autokino inklusive Snackbar. Gezeigt wird eine filmische Choreografie des Künstlers Julian Rosefeldt. So länger man dort umher wandert verliert man das Empfinden und fühlt sich als sei man durch die Schranktür in ein häßliches Narnia getreten. Man befindet sich nicht mehr im Inneren eines sonst so sauberen Whitecubes. Der feine Museumsboden zum Teil überbetoniert und mit Schotter überseht, so ist es kaum möglich mehr zu erahnen wo man sich gerade befindet. Die Container bilden eine Schlucht und türmen sich bis unters Museumsdach. Hinter der Autokinoleinwand ein falscher Sonnenuntergang. Weit in der Ferne, die Sonne fast nicht mehr sichtbar. Das Kino wirkt durch Spiegel so breit, das man nicht mehr an einen abgeschlossenen Raum denken kann. Selbst der Blick von der Empore macht die Szenerie surreal.

Wolfsburg Tristesse

Der nächste Raumabschnitt im Stadtlabor heißt "Gallerie Nordhoff". Benannt nach dem wichtigen Vorstandsvorsitzenden in den 60er Jahren. In der wichtigsten Zeit Wolfsburgs. Die Zeit die den größten Wohlstand brachte und die Stadtlandschaft prägte mit ihren kleinen, spießigen Ein-Familien Häusern. Platz für 1 1/2 Kindern, Frau und Hund. Er war vielleicht wichtiger als jeder Bürgermeister der Stadt. Am Anfang diesen Ausstellugnsbereich wird ein kurzer Film aus der Zeit gezeigt. Er könnte den Familienalben meiner Großeltern entsprungen sein. Allesamt Arbeiter dieser Stadt. Kinderfotos meines Vaters vor den Hochhausanlagen. Dort liegen die Grundwerte und Familiengeschichten die diese Stadt ausmachen. Etwas an diesen alten Filmaufnahmen holt etwas tief vergrabenes in mir hervor. Eine mit Familie verknüpfte Melancholie. Etwas was mich meine Eltern in die Arme schließen lassen will. Noch mehr als sonst.

Ein Bild finde ich besonders beeindruckend. Heinrich Nordhoff steht erhoben auf einer Empore, nah in die Kamera blickend, hinter sich die versammelte Belegschaft des Wolfsburger Werkes. Aufgereiht, die gesammte Straße entlang.

In den nächsten Räumen beginnt die zeitgenössische Auseinandersetzung mit Wolfsburg. Ich überfliege viele Arbeiten. Ich schnappe einige Bilder und Textfetzen auf. Letzten Sommer, kurz nachdem ich wieder nach Wolfsburg gezogen bin, begann der Abgassskandal. Zu meinen allgemeinen Zweifeln kam auch noch dieses über dem Kopf hängende Schwert mit der Aufschrift "Dieselgate". Meine Dunkelkammer noch nicht aufgebaut, wollte ich meine ersten Bilder in der Innenstadt machen. Ich tue mir mit so einer Aufgabe schwer, aber es sollte eine Auseinandersetzung mit meinem gestörten Verhältnis mit meiner Heimat sein. In den Arbeiten der hier ausgestellten Künstlern fehlt mir der Bezug. Dies liegt vielleicht daran, das der Museumsleiter Wolfsburg eher als eine Extraktion des gesamten Landes sieht. Alles konnte ich an diesem Mittag nicht verarbeiten. Es sind zu viele Eindrücke die mich beschäftigen. Eindrücke die alle Stufen einer Emotionstabelle abdecken könnten. Oft gehe ich in Ausstellungen und bin danach über alle Ohren inspiriert oder auch bewegt. Diese Ausstellung mit ihrer Auflistung der Facetten und Geschichten der Stadt trifft mich ins Herz. Und das ziemlich hart und unvorbereitet. Und am Ende weiß ich immer noch nicht wie es in dieser Stadt weitergehen soll.

Danke lieber VfL

Volkswagen Arena

Was ein Jahr. Ok am Samstag wäre ein Sieg noch besser gewesen... geschenkt. Ein Berg und Talfahrt der Gefühle. Ich erinnere mich an Berlin und den Pokalsieg und auch die Nächte in der Sommerpause in der mich der bevorstehende Wechsel von Kevin De Bruyne wach hielt. Danke.

Jeppe Hein in Wolfsburg

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